in einer Zeit, in der das Wort “Führer” noch mit relativer Neutralität besetzt war, schreibt Dietrich Bonhoeffer (Anfang Februar 1933 - noch vor dem Brand des Reichstages):
“Der Mensch und insbesondere der Jugendliche wird so lange das Bedürfnis haben, einem Führer Autorität über sich zu geben, als er sich selbst nicht reif, stark, verantwortlich genug fühlt, den in diese Autorität verlegten Anspruch selbst zu verwirklichen. Der Führer wird sich dieser klaren Begrenzung seiner Autorität verantwortlich bewusst sein müssen. Versteht er seine Funktion anders als sie so in der Sache begründet ist, gibt er nicht dem Geführten immer wieder klare Auskunft über die Begrenztheit seiner Aufgabe und über dessen eigene Verantwortung, lässt er sich von dem Geführten dazu hinreißen, dessen Idol darstellen zu wollen … dann gleitet das Bild des Führers über in das des Verführers.”
“Unversehens hat Dietrich [Bonhoeffer] damit bereits eine Beschreibung der gerade einsetzenden Massenhysterie, der kollektiven Flucht aus der Verantwortung in den Führerkult geliefert”, kommentiert dazu Renate Wind in ihrer Bonhoeffer-Biographie
Die Erfahrungen der Geschichte verdeutlichen, wie wichtig es ist, Menschen - und besonders jungen Menschen - zu ihrer Eigenverantwortlichkeit und Mündigkeit zu verhelfen. Dabei stellt sich die besondere Herausforderung, gerade in einer Welt, in der nahezu alle Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die durch ihre Rolle in der Öffentlichkeit als Vorbilder fungieren, diese Flucht aus der Verantwortung vorleben (”sich möglichst ohne viel Schaden geschickt aus der Affäre ziehen”, Fehler vertuschen oder veschleiern), Menschen ihre Verantwortung für sich selbst klarzumachen - in der Gewissheit, dass unser uns bedingungslos liebender himmlischer Vater durch Jesus Tod am Kreuz Vergebung für alle Fehler und Übertretungen bereithält - aber ohne Verantwortung übernehmen und die Fehler und Übertretungen eingestehen, kann auch keine Vergebung kommen - allein schon dazu ist Eigenverantwortlichkeit und Mündigkeit existenziell. Denn niemand kann für andere genau diese Verantwortung übernehmen, auch wenn “nur” Anweisungen, Befehle etc. ausgeführt wurden - das spricht niemanden von seiner/ihrer eigenen Verantwortung frei. In einem gesellschaftlichen Klima von Autoritätshörigkeit und/oder Existenzängsten erfordert dies durchaus eine gehörige Portion Mut … doch welche Alternative gibt es?